keine nacht für niemand 4.0
 



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... aus dem fluss ...

gedicht von heute:

---

blühbeutel

ein frühes flöten aus dem ersten schein
am nachmittag aus licht, zitronen blüh’n
am dörrfleisch, das der winter weißte, rein
wie engel, die sich aus den knospen müh’n

als übende auf ihren leisen lyren
im probenraum des möglichen im sein.
du siehst es nicht und hörst es nicht, nur spüren
kannst du’s schon, die ahnung, dass dem wein

der traubenbeutel ist schon prall gefüllt.
dass aus dem dürren duft erwächst und schwillt.
noch zart nur, blüte nicht, nur dunkler wald,

gezeugt zwar schon, doch noch ist’s nicht geboren,
ein augenblick aus himmel, der verloren
schaut ins licht und blinzelt und sagt: bald!

---

und das ebenso schmerzliche wie gute: ich hab’ den überblick verloren, was ich schon dichtete. es fließt. und ich spüle es runter ... ins netz ...
21.3.06 01:42


Du schon wieder, Deutschland?

„DU“ schreit es in Riesenlettern von der Plakatwand, dem TV-Schirm und aus der Anzeige. „Was, ich schon wieder?“ durchfährt es mich mit dem leisen Erschrecken des ertappt oder shanghait Seins wie bei diesem inzwischen zur Werbung für Jeans zweckentfremdeten Plakat, wo Uncle Sam auch MICH für die Army anwerben will. Nein: „Du bist Deutschland“, steht da, weiß im flächendeckend gesendeten TV-Spot eine ganze Armee von Vorzeige-Deutschen von A wie Fußball-Idol Gerald Asamoah bis W wie Katarina Witt, einst „das schönste Gesicht des Sozialismus“, jetzt die schönste Werbefläche im vereinten Land.

Du meine Güte! Erst „Wir sind Papst“ und nu’ bin ich auch noch Deutschland, „L’État c’est moi?“ Mehr noch: „Du bist das Wunder von Deutschland“, heißt es im „Manifest“ der „bisher größten Social Marketing Kampagne in der Mediengeschichte der Bundesrepublik“. Alles, was medial Rang und Namen hat, findet nämlich, dass „Deutschland sich selbst schlecht redet“, und will mit der Kampagne „einen Bewusstseinswandel für mehr Selbstvertrauen und Motivation anstoßen“. 30 Millionen Euro kostet solche Mutmache, zur Verfügung gestellt als kostenlose Anzeigen- und Werbeclip-Schaltungen. Man hört den „Ruck“, den Ex-Bundespräsident Herzog durchs Land schicken wollte, förmlich ruckeln – wenn auch ziemlich verrückt.

„Du bist Albert Einstein!“ Gräme dich nicht, wenn du ein Spätentwickler bist, war Einstein nämlich auch. Und „wenn du das letzte aus dir herausholst, kannst du nach den Sternen greifen“. Oder: Du bist Johann Wolfgang von Goethe. Na, vielleicht nicht ganz. Aber deine Texte sind toll, du musst sie nur an einen Verlag schicken. Denn du bist Deutschland. Tja, wenn das so einfach wäre ... Allerdings recht einfach einsichtig ist, dass solche Botschaften einmal mehr die Ideologie verlängern, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Und dass im Umkehrschluss die Verlierer selber Schuld sind und wer keine Arbeit hat, eigentlich auch keine will.

Kein Wunder also, dass die Kampagne, ersonnen unter anderem in den heiligen Werbehallen von Jung von Matt, aus denen auch Zeitgeist gewordene Un-Worte wie „Geiz ist geil“ stammen, kaum gestartet, sofort ihre Spötter fand – im einzigen noch nicht von solcher Pfeifen-im-Walde-Propaganda gleichgeschalteten Medium: Unter www.flickr.com/groups/dubistdeutschland finden notorische Schlechtredner wie ich Antidot in Gestalt mutwilliger Fälschungen der Kampagnen-Motive. „Du bist langzeitarbeitslos“, plakatiert man da. Oder: „Du bist Josef Ackermann. Du denkst eine Anklage wegen Untreue könnte deine Karriere zerstören?“ Weit gefehlt, Ackermann ist immer noch Vorstand der Deutschen Bank. Denn: „Wer kompromisslos seinen Weg geht, kann es zu einem Spitzengehalt von 11 Millionen Euro bringen.“

Sowas ist nämlich auch Deutschland, derzeit auch vielgestaltig beim Koalitionspoker in Berlin zu beobachten. Ob das die Deutschland-Werber auch im Sinn hatten? Vielleicht kommt die Krise, die hier mit Mutmachen bezwungen werden soll, ja just von denen, die hier nicht als gesunden Unmut Machende auftreten: Politiker, Manager, Lügner und Betrüger? Du bist Deutschland? Ich bin’s in einem Lande solcher Deutschen nicht.
30.9.05 01:50


Keine Nacht für niemand im Niemandsland

„Was uns verzaubert, lebt allein in den Leerräumen, die durch Worte geschaffen werden. Es muss immer einen Raum des Schweigens geben.“ (Ysmin Reza)

Schwanengesang auf Heide I (1990): Schwanheide. Bis vor kurzem Grenzübergang, nunmehr Geisterstadt, durch die der Zug ohne Halt fährt. Auf Abstellgleisen einige sowjetische Tankwagen, geschwärzt von Öl und Gebrauch, mehr als westliche Wagen, beim Anfahren sehr scheppernd, scheppernder als westliche Wagen. Die Zäune am Gleis sichtlich ruiniert, wie verlassene Spinnennetze, nicht mehr geölt von den wachsam prüfenden Blicken der Grenzsoldaten. „Unser Volk weiß, dass die Grenzsoldaten der Deutschen Demokratischen Republik jederzeit mit hoher Selbstdisziplin und mit großem politischen Verantwortungsbewusstsein an der Trennlinie zwischen Sozialismus und Imperialismus auf Wacht stehen. Sie weisen unter den komplizierten Bedingungen der unmittelbaren Berührung der beiden Weltsysteme Angriffe auf die westliche Grenze des Sozialismus entschlossen zurück. Mit Mut und Besonnenheit sorgen sie für den sicheren Schutz der revolutionären Errungenschaften unseres Volkes.“ Die Grenzverletzung besteht in der jetzt vorhandenen Überflüssigkeit der übrigen Sperranlagen. Planvolles Rangieren auf den Gleisanlagen des Grenzbahnhofes, Züge werden neu zusammengestellt. Grenzgebiet ist immer Niemandsland, in dem Nutzung ausgesetzt ist, also ein Bereich von Kunst. Enteignung der Grenze durch erneute Inbesitznahme, also Einbeutung des Niemandslandes. Früher machte man aus dem „Zonenrandgebiet“ heraus Sonntagsnachmittagsausflüge an die Grenze. Hobbyfotografen schossen Bilder, stimmungsvoll durch die Unberührtheit des Landstrichs und gleichzeitig mahnend durch Wachtürme im Hintergrund. Super-8-Filme leicht verwackelter Expeditionen. Ein Zoom zeigt gegenüber Grenzsoldaten, Künstler im Niemandsland, mit Ferngläsern an den Augen, die der sich bewegenden Kamera stetig folgen.

Schwanengesang auf Heide II (1991): Umhängen der Wagen in Büchen. Die Bahnhofsmission mit Armbinde, freiwilliger Helfer der Grenztruppen, bringt Kaffee. Ehemalige Begrüßung im Westen, guter echter Bohnenkaffee für die „Brüder und Schwestern hinter der Mauer“, Brüderschaft ertränken mit West-Kaffee. Der erste West-Test, Überlegenheit, demonstriert durch ein schwarzes Heißgetränk. Dem Dichter standen Schweißperlen auf der hohen Stirn. Jetzt gilt es, die Grenze nicht zu verpassen, den Blick vom fahrenden Zug aus, nur noch dem Geübten, das heißt Wissenden sichtbar. Sichtbarkeit des nicht mehr Vorhandenen durch konsequentes Wissen. Vernichtung des Zaunkorridors, freiwillige Spende für die Bahnhofsmission an die armbändigen Missionare des Kapitals auf vorgeschobenem Posten. Enorme Verkürzung des Aufenthalts gegenüber noch vor zwei Jahren; Innehalten an der Nahtstelle nun nicht mehr erforderlich. Auf dem Weg nach Berlin in 40,3 Kubikmetern, 9,6 Metern Länge, durch ein verlorenes Land. Ich darf auf keinen Fall die grenzenlos aufgehobene Grenze verpassen. Der bewaffnete Blick kann bald auf feinere Instrumente, zum Beispiel Metallsuchgeräte, nicht mehr verzichten. Das ist gut so: Verlässlichkeit von Maschinen. Noch ist die Grenze Pfähle ohne Gitter. Wahrscheinlich lassen sich die Pfähle nur mit Kostenaufwand entfernen, fest im Betonfundament, Kosten, die selbst die Ideologie scheut. Durch Schwanheide wird ungerührt hindurchgebraust, nutzloser Bahnhof eines kleinen Ortes, Verlust roter Teppiche, weiter in märkischen Sand.

Schwanengesang auf Schwanengesang (2005): Ich habe diese Grenze wohl an die drei Dutzend mal überschritten, hin und zurück, als Jungpionier in spe und als FDJler in soap. Ein Hin und Wieder, bis es sie nicht mehr gab. Ich geriet in Trauer, als es sie nicht mehr gab. Mir war das Dazwischen verloren gegangen. Deshalb jubelte ich nicht, als die Grenze fiel und mit ihr das Niemandsland. Im Niemandsland hatte ich mich zuhause gefühlt. Weder hüben noch drüben war ich zuhause, Kind der Eltern, die von drüben nach hüben kamen, das „Flucht“ nannten, aber, sobald es ging, immer wieder von hüben nach drüben „flohen“, mich an der Hand. Und als ich losgelassen ward, wurd’ ich Kommunist. Das war schick. Da fühlte ich mich zuhause, da wo der Kommunismus nicht war und es schick und gefährlich war, Kommunist zu sein.

Das Dazwischen, das Noch-nicht-aber-schon, das Nicht-mehr-aber-noch, die verlorene Grenze überquerend im Sommer 1991 auf dem Weg nach Berlin im Zug, hielt ich Ausschau. Leer waren die Türme an der Grenze. Der Übertritt war keine Übertretung mehr. Und also war ich leer. Etwas war abhanden und also war ich voll, voll von Erinnerung und Resentiment gegenüber den Ausreißern, die nichts mehr davon wissen wollten, dass diese Grenze auf den Anstreicher zurückging. Eine Teilung die Teilhaberschaften an Geschichte und damit Geschichten ermöglichte. Jetzt aber war dies nicht mehr mein Land. Jedenfalls behauptete ich das, wie ich vorher weder von dem einen, noch dem anderen behauptet hatte, es sei meines.

Erst indem es nicht mehr existierte, bekannte ich mich zu dem anderen Land. Nur ein Niemandsland konnte mein Land sein, mein Acker, meine Wiese, meine Wohnung und mein Anker.

Doch es war verschwunden, eingemeindet, beigetreten. So gemeindete ich mich aus, trat aus, wollte nicht dabei sein, sondern dazwischen. In einer Fuge, die die Geschichte geschlossen hatte, gewaltsam, weil ohne Gewalt. Ich studierte die Geschichte der Klassenkämpfe, weil sie jetzt nichts mehr bedeutete außer dass sie Geschichte geworden war. Ich komplettierte meine Sammlung der blauen (Marx) und der roten (Lenin) Bände in jenem Sommer 1991 in Berlin von eben jenem Sperrmüllhaufen der Geschichte, auf dem sie ganz buchstäblich gelandet waren. Im Regal nicht zuhause im Land, das jede Chance auf die Leere und alle Lehren, die daraus zu ziehen gewesen waren, schluckte, räumte ich das Dazwischen frei und gemeindete 1,5 Meter ein.

Daneben stand, zwei Zentimeter dick, die „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer/Adorno, gewissermaßen der Index der nun leeren Lehre der blauen und roten Bände. Ein Niemandsland im nun Niemandsland. Und ich fand Heimat darin, genau keine Heimat zu haben wie die Exilierten, die das geschrieben hatten. Ich wollte da sein, wo ich dem Nichts nahe sein konnte. Eine Art weltschmerzig inszenierte Todessehnsucht, aus der heraus ich mich in die Lager sehnte, wo der Tod Industrie war, so wie er jetzt Industrie war für eine nur vermeintliche Lebendigkeit.

Die Lehre der Leere bestand in der Flucht vor eben diesem Leben, das ich nicht aushalten, geschweige leben wollte. Ich wollte anders sein, Grauzone - Niemandsland. Und zog die Grenze, die gefallen war, mit Unerbittlichkeit.

Schwanheide III (15 Jahre später): Selbst die Leere hat mich verlassen, wurde eingemeindet. „No Future“ liest man nicht mehr auf den pogo-verschwitzten Lederjacken von Punks. Punk is dead. Aber ich bin immer noch alive. Ich bin nie Punk gewesen, ich habe auch nie in der DDR gelebt. Alles habe ich immer nur besucht. Und bin wieder weggefahren. Habe das Niemandsland gekreuzt und bin dabei niemand geworden. Und dennoch nicht nichts, das ist das Problem. Im Niemandsland, das ich als letzter bewohne, gibt es keine Eigentumswohnungen. Es gibt überhaupt keine Wohnung außer der des Schweigens. Das ist beredt, aber keine Rede ist davon außer den Worten, die das Schweigen beschreiben, das Danach-und-nicht-mehr, das Schon-nicht-mehr und - ganz zart und bezaubernd - das Nichts-niemand-nirgends-nie meiner Worte.
23.5.05 23:58


Habemus Satanum!

Als am 19. April 2005 um 18.45 Uhr statt der St.-Jakobiner an meiner Hausecke die Katholen eine Straße weiter sturmbimmelten, ahnte ich’s schon: Habemus Papam! Dass Religion Opium für’s Volk sei, wusste schon Karol Marx. Dass daran immer noch etwas dran ist, bewiesen die Tage rund um die Agonie und schließlich das Ableben des Papstes aus Polen und nun der Tag - nur ein Treppenwitz der Geschichte, dass es der 61. Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto ist -, an dem Joseph Kardinal Ratzinger vor einem wiederum proppevoll ausverkauften Petersplatz verkündete, er sei auch als Papst „ein einfacher und demütiger Arbeiter im Weingarten des Herrn“.

Ich frage mich indes, ob man da nicht eher den Prügelbock zum Gärtner gemacht hat. Fangen wir da an, wo das Betriebssystem Benedikt 16.0 erstmal nur Theokrat und noch nicht Deutscher ist. Die TV-Kanäle an diesem Abend sind voll von Ratzinger-Specials aus der MAZ-Schublade. Auf 3Sat kann man dem Kardinal, der unter Giovanni Paolo secondo bereits seit Jahren Vorsitzender der „Congreation“ war, der obersten Ideologiebehörde des Vatikan und direkter Nachfolgeorganisation der Heiligen Inquisition, dabei zuhören, wie er letztere zu rechtfertigen weiß: „Inquisio“ bedeute, „Ich untersuche“, sprich: schon im Mittelalter, lange bevor die Aufklärung derlei erfand, habe die Kirche eine „rechtstaatliche Institution“ geschaffen, die dafür sorgte, dass niemand „einfach nur so“ auf dem Scheiterhaufen landete, sondern erst nach umfänglicher Untersuchung des Falls.

So weit, so (un-) gut. Der Mann aus Regensburg hat Überzeugungen, die er gegen alle Widerstände vertritt. Niemand im illustren 117-köpfigen Kreis der Papst-Wahl-Kardinäle war mehr gegen „künstliche Empfängnisverhütung“, setzte sich vehementer für den so genannten Schutz des ungeborenen Lebens (der dafür auch schon mal über die Leichen des geborenen Lebens geht) ein und wollte über schwule Priester gar nicht erst reden wie Kardinal Ratzinger aus Regensburg, Intimus des verblichenen Papstes und Strippenzieher an den ideologisch bröckelnden Fronten des Katholizismus. Der wandte sich mit Johannes Paul II. der Befreiungstheologie Südamerikas zwar durch medienwirksam ostentative Besuche zu, aber im selben Atemzug inquirierte er Priester und Autoren wie Ernesto Cardenal wenn nicht als Ungläubige, so doch Falsch-Gläubige.

Mag sein, dass der mediale Zeitgeist so etwas Fundamentales (mit dem Wort hat Ratzinger wenig Probleme, wenn er es in den Interviews in das weniger angefeindet klingende „Radikale“, zu den Wurzel Gehende, kassibern kann) wie Christentum genau deshalb degoutiert, weil Ideologien seit dem Ende der Geschichte von 1989 per se in Verruf geraten sind. Dass Christentum und eine Befreiungstheologie wie der Marxismus von beider Anbeginn im selben Boot saßen, mögen nur noch Südamerikaner gegenwärtigen, die sich Hoffnungen auf den Stuhl Petri gemacht hatten. Wo Benedikt Ratzinger plötzlich seltsam Recht hat, ist da, wo er den „allgemeinen Relativismus“ erst jüngst (in der Totenmesse für seinen Vorgänger) anprangerte.

Wenn „religio“ etwas bedeutet wie eine Überzeugung, die über die von Konsum bewusst säkularisierten Wünsche des Ego insofern hinausgeht, als sie das Ich nur existierbar sieht als Teil eines (solidarischen) Wir, dann ist Ratzingers intellektueller Anti-Relativismus immerhin nah dran an dem, was sich offenbar große Teile der Bevölkerung, christlich, islamisch, jüdisch oder auch schlicht „ungläubig“, wünschen: Dass Politik nicht nur (Krisen-) Management eines Unternehmens namens Staat sei, sondern auch eine Richtung habe, der man das ebenso aus der Mode gekommene Wort „Vision“ wenigstens noch andichten kann.

Benedikt Nummer 16 ist freilich ein Visionär des Ewiggestrigen, genauso wie sein Freund und Vorgänger, der progressive Friedens- und Gerechtigkeitsforderungen mit denen nach einer rigiden Versteinerung der Lehre verband. Doch wenn das so ist, woher kommt diese weltliche Begeisterung für einen Papst, den sterbenden wie den kommenden, als Popstar? Die Millionen, die nach Rom pilgerten, sich bis zur Erschöpfung in so etwas Seltsames wie Kondolenz-Schlangestehen einreihten, als gelte es, Karten für die Fußball-Weltmeisterschaft im Internet zu gewinnen, sind Sinn und (religiöse) Sinnlichkeit Suchende.

Dass der Mensch nicht nur vom Brot allein lebe, ist ein Allgemeinplatz, nicht jedoch in Zeiten, wo das Brot knapp wird und sich kein Schöpfer mehr findet, dem man für den täglich Manna-gefüllten Brotkorb danken könnte. Wo die Körbe leer bleiben, suchen die, die nicht wissen, was sie tun (sollen), weil sie an nichts und niemanden glauben können, nach Identifikationen. Wo die Leere regiert, ist die Sehnsucht groß nach der reinen Lehre.

Bleibt, welche Funken das Deutschtum aus seinem deutschen Papst schlägt. Nach mehr als 500 Jahren erstmals wieder ein Alemanne auf Petrus’ Thron, das lässt Großmachts- und UN-Sicherheitsrat-Süchtige jubilieren. Von Stolz ist da die Rede, wenn Ex-Sozialisten, jetzt eher Marktforscher auf den Märkten der „Pope-ularität“, sich gen Sixtinischer Kapelle strecken und willfährig ihren weißen Rauch verströmen. Bei der Papstwahl spiele die Nationalität des Erwählten keine Rolle, verkünden die vatikanischen Gebetsmühlen. Und doch, dass Woytila Papst wurde, sollte das Ende des Kommunismus in staatlicher Ausprägung befördern, ganz politisch, ganz unpäpstlich. Und nun ein Deutscher, der dafür nichts kann, dass er ausgerechnet Deutscher ist. Der aber etwas dafür kann, dass er die globalisierten Sehnsüchte nach Sinn mit seiner Herkunft verbündet, wenn auch mehr nolens als volens. Im Weingarten des Herrn wird so die Traube der Hoffnung vertrocknen. Aber auch Rosinen sind ja manchmal betörend süß ...
20.4.05 02:22


zitronen am strand
oder: das land, wo die zitronen blühen


sie sind neugierig mehr über das aktuelle verständnis der modernen physik zu erfahren? sie wollen wissen, warum man am strand auf zitronen liegt, wie formeln das schicksal der welt beschreiben, wie unerschöpfliche energiequellen erforscht werden, warum nicht nur die sonne strahlt, warum man atomkerne zum schwitzen bringt, wie man zeitreisen unternehmen kann, wieso die natur manchmal würfelt und wie man mit strahlen menschen heilt?

mit strand-punsch: zutaten: 200 g brauner zucker, 1 flasche brauner rum, 0,5 liter weinbrand, 5 cl aquavit (linie), 5 cl bènèdictine, 1 zitronenschalen-spirale, 1,5 liter wasser, grapefruitscheiben.

in der „strandperle“ am schönen elbstrand saßen am sonntagabend nicht viele leute, aber ein paar wetterfest gekleidete gestalten waren es doch. darunter auch ein kleines mädchen in gelber öljacke. das biss in eine zitronenscheibe und schüttelte sich daraufhin vor lachen, denn sauer macht lustig. an diesem kinde nehme ich mir jetzt ein beispiel, dachte ich und entwickelte, angesichts verschiedenster open-air-termine in den vergangenen und kommenden wochen, ein neues lebensmotto: nass macht lustig.

zucker, rum, weinbrand, aquavit und bènèdictine in einen topf geben. zitronenschalen-spirale dazugeben. zusammen mit dem wasser bis kurz vor dem siedepunkt erhitzen.

bevor du an den strand gehst: nach dem haare waschen den saft einer oder zweier zitronen (je nach haarlänge) mit ein paar tropfen olivenöl mischen.

in punschgläser abseihen. in jedes glas eine grapefruitscheibe geben.

da schwebt ihm ein letzter, allerletzter schmetterling ins auto, jedoch bemerkt er den schmetterling nicht und er erinnert sich statt dessen ganz eigenartig an vergangene tage: an den strand, die dünen und das wasser. seinen cocktail, den er so liebte, und diesen unvergleichlichen zitronen-minze-geschmack, gekrönt mit süßem rohrzucker.

+++ servietten +++ ein tag am strand +++ servietten +++ ein tag am strand +++ servietten +++ zitronen am fenster +++ servietten +++ zitronen am fenster +++ servietten +++

dann im haar gut verteilen. erst auswaschen, wenn du in der sonne warst. der zitronensaft hellt die haare auf, dass öl bewahrt das haar vor dem austrocknen.

ich fahr nach napoli mit meiner rosa. / meine rosa liebt zitronen - / darum würd’ sie gerne wohnen / im schönen napoli, im blauen süden / und am strand wird sie dort liegen / mit dem blick auf den vesuv ...

ich muss es wirklich mal betonen: / ganz früher waren die zitronen - / ich weiß nur nicht mehr, wann dies / gewesen ist - so süß wie kandis.

trotz der erst zehn zurückgelegten kilometer bleiben wir spontan hier auf einem kleinen platz unter olivenbäumen. die überraschung: hinter der rezeption gibt es eine terrasse mit einem schönen ausblick auf einen zitrusgarten.

bis sie einst sprachen: „wir zitronen, / wir wollen groß sein wie melonen!“

über tag wurden am strand zitronen-/limonenwasser, geeiste und geminzte tücher sowie kalte melonenstücke gereicht.

„auch finden wir das gelb abscheulich, / wir wollen rot sein oder bläulich!“

dahinter führt ein steiler weg zum strand. hier oben kann man die füße baumeln lassen, den duft der zitronen genießen und die schönsten sonnenuntergänge beobachten.

gott hörte oben die beschwerden, / und sagte: „daraus kann nichts werden, / ihr müsst so bleiben - ich bedauer!“ / da wurden die zitronen sauer.

viele nette geschäfte entdeckt man von der hauptstraße hinunter zum strand. in den keramikgeschäften gibt es viele zitronenmotive und es gibt läden, die sämtliche produkte aus zitronen anbieten, natürlich auch den berühmten limoncello. nur die modegeschäfte haben recht merkwürdige kleider im angebot, überall trifft man auf sackähnliche kreationen mit viel stickerei.

ich war inzwischen ein bisschen ermattet. nicht etwa von der angenehm auffrischenden feuchtigkeit, nicht vom wohlig schluckenden rollen der elbwellen, auf denen die gelbe boje tanzte, sondern von jenen, die sich da schriftsteller nennen.

zum beispiel schorsch kamerun,

die strand und die zitrone lernende strand eifrig und lecker mehrende strand kostet und dennoch schlimm und es lernen die schwestern und mehrende zitronen sind so schlimm und so kostet rente lernende fluchende strand die strand jene wie gedacht sie lernen fast immer erotisch sie fluchen oh ja und trotzdem götter ihr! strand! lernende strand in endloser zeit.

geboren 1963, aufgewachsen in timmendorfer strand (schleswig-holstein), gründete 1984 in hamburg

am schönen elbstrand, dem land, wo ...

die punkband „die goldenen zitronen“, deren jüngstes album „schafott zum fahrstuhl“ diesen herbst erschienen ist. kamerun gründete unter anderem den golden pudels club am hafen von hamburg,

am schönen elbstrand, dem land, wo ...

arbeitet als solo-musiker (sylvesterboy) und inszenierte am hamburger schauspielhaus

am schönen elbstrand, dem land, wo ...

hubert fichtes „die palette“. im januar 2002 wird kamerun mit den goldenen zitronen in kalifornien, arizona und texas touren.

hallo, ich war letztes jahr in portugal nähe lagos wwoofen. aber nur 2 wochen. das hieß dort quinta d’ afrobeirra (oder so ähnlich), findest du auf der wwoof international liste. war ganz nett dort, aber leider kaum tiere, eher in richtung tourismus ging das. die leute waren nett, die arbeit interessant, unterkunft und das essen okay, und es gab viel frei, wo man an den strand konnte oder zitronen und oliven essen. liebe grüße, katja

allerdings, das ist nicht zu verachten, verdanke ich den beach-poeten meine neue einstellung. oder doch wohl eher dem zitronen-mädchen.
28.2.05 16:39


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