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Keine Nacht für niemand im Niemandsland

„Was uns verzaubert, lebt allein in den Leerräumen, die durch Worte geschaffen werden. Es muss immer einen Raum des Schweigens geben.“ (Ysmin Reza)

Schwanengesang auf Heide I (1990): Schwanheide. Bis vor kurzem Grenzübergang, nunmehr Geisterstadt, durch die der Zug ohne Halt fährt. Auf Abstellgleisen einige sowjetische Tankwagen, geschwärzt von Öl und Gebrauch, mehr als westliche Wagen, beim Anfahren sehr scheppernd, scheppernder als westliche Wagen. Die Zäune am Gleis sichtlich ruiniert, wie verlassene Spinnennetze, nicht mehr geölt von den wachsam prüfenden Blicken der Grenzsoldaten. „Unser Volk weiß, dass die Grenzsoldaten der Deutschen Demokratischen Republik jederzeit mit hoher Selbstdisziplin und mit großem politischen Verantwortungsbewusstsein an der Trennlinie zwischen Sozialismus und Imperialismus auf Wacht stehen. Sie weisen unter den komplizierten Bedingungen der unmittelbaren Berührung der beiden Weltsysteme Angriffe auf die westliche Grenze des Sozialismus entschlossen zurück. Mit Mut und Besonnenheit sorgen sie für den sicheren Schutz der revolutionären Errungenschaften unseres Volkes.“ Die Grenzverletzung besteht in der jetzt vorhandenen Überflüssigkeit der übrigen Sperranlagen. Planvolles Rangieren auf den Gleisanlagen des Grenzbahnhofes, Züge werden neu zusammengestellt. Grenzgebiet ist immer Niemandsland, in dem Nutzung ausgesetzt ist, also ein Bereich von Kunst. Enteignung der Grenze durch erneute Inbesitznahme, also Einbeutung des Niemandslandes. Früher machte man aus dem „Zonenrandgebiet“ heraus Sonntagsnachmittagsausflüge an die Grenze. Hobbyfotografen schossen Bilder, stimmungsvoll durch die Unberührtheit des Landstrichs und gleichzeitig mahnend durch Wachtürme im Hintergrund. Super-8-Filme leicht verwackelter Expeditionen. Ein Zoom zeigt gegenüber Grenzsoldaten, Künstler im Niemandsland, mit Ferngläsern an den Augen, die der sich bewegenden Kamera stetig folgen.

Schwanengesang auf Heide II (1991): Umhängen der Wagen in Büchen. Die Bahnhofsmission mit Armbinde, freiwilliger Helfer der Grenztruppen, bringt Kaffee. Ehemalige Begrüßung im Westen, guter echter Bohnenkaffee für die „Brüder und Schwestern hinter der Mauer“, Brüderschaft ertränken mit West-Kaffee. Der erste West-Test, Überlegenheit, demonstriert durch ein schwarzes Heißgetränk. Dem Dichter standen Schweißperlen auf der hohen Stirn. Jetzt gilt es, die Grenze nicht zu verpassen, den Blick vom fahrenden Zug aus, nur noch dem Geübten, das heißt Wissenden sichtbar. Sichtbarkeit des nicht mehr Vorhandenen durch konsequentes Wissen. Vernichtung des Zaunkorridors, freiwillige Spende für die Bahnhofsmission an die armbändigen Missionare des Kapitals auf vorgeschobenem Posten. Enorme Verkürzung des Aufenthalts gegenüber noch vor zwei Jahren; Innehalten an der Nahtstelle nun nicht mehr erforderlich. Auf dem Weg nach Berlin in 40,3 Kubikmetern, 9,6 Metern Länge, durch ein verlorenes Land. Ich darf auf keinen Fall die grenzenlos aufgehobene Grenze verpassen. Der bewaffnete Blick kann bald auf feinere Instrumente, zum Beispiel Metallsuchgeräte, nicht mehr verzichten. Das ist gut so: Verlässlichkeit von Maschinen. Noch ist die Grenze Pfähle ohne Gitter. Wahrscheinlich lassen sich die Pfähle nur mit Kostenaufwand entfernen, fest im Betonfundament, Kosten, die selbst die Ideologie scheut. Durch Schwanheide wird ungerührt hindurchgebraust, nutzloser Bahnhof eines kleinen Ortes, Verlust roter Teppiche, weiter in märkischen Sand.

Schwanengesang auf Schwanengesang (2005): Ich habe diese Grenze wohl an die drei Dutzend mal überschritten, hin und zurück, als Jungpionier in spe und als FDJler in soap. Ein Hin und Wieder, bis es sie nicht mehr gab. Ich geriet in Trauer, als es sie nicht mehr gab. Mir war das Dazwischen verloren gegangen. Deshalb jubelte ich nicht, als die Grenze fiel und mit ihr das Niemandsland. Im Niemandsland hatte ich mich zuhause gefühlt. Weder hüben noch drüben war ich zuhause, Kind der Eltern, die von drüben nach hüben kamen, das „Flucht“ nannten, aber, sobald es ging, immer wieder von hüben nach drüben „flohen“, mich an der Hand. Und als ich losgelassen ward, wurd’ ich Kommunist. Das war schick. Da fühlte ich mich zuhause, da wo der Kommunismus nicht war und es schick und gefährlich war, Kommunist zu sein.

Das Dazwischen, das Noch-nicht-aber-schon, das Nicht-mehr-aber-noch, die verlorene Grenze überquerend im Sommer 1991 auf dem Weg nach Berlin im Zug, hielt ich Ausschau. Leer waren die Türme an der Grenze. Der Übertritt war keine Übertretung mehr. Und also war ich leer. Etwas war abhanden und also war ich voll, voll von Erinnerung und Resentiment gegenüber den Ausreißern, die nichts mehr davon wissen wollten, dass diese Grenze auf den Anstreicher zurückging. Eine Teilung die Teilhaberschaften an Geschichte und damit Geschichten ermöglichte. Jetzt aber war dies nicht mehr mein Land. Jedenfalls behauptete ich das, wie ich vorher weder von dem einen, noch dem anderen behauptet hatte, es sei meines.

Erst indem es nicht mehr existierte, bekannte ich mich zu dem anderen Land. Nur ein Niemandsland konnte mein Land sein, mein Acker, meine Wiese, meine Wohnung und mein Anker.

Doch es war verschwunden, eingemeindet, beigetreten. So gemeindete ich mich aus, trat aus, wollte nicht dabei sein, sondern dazwischen. In einer Fuge, die die Geschichte geschlossen hatte, gewaltsam, weil ohne Gewalt. Ich studierte die Geschichte der Klassenkämpfe, weil sie jetzt nichts mehr bedeutete außer dass sie Geschichte geworden war. Ich komplettierte meine Sammlung der blauen (Marx) und der roten (Lenin) Bände in jenem Sommer 1991 in Berlin von eben jenem Sperrmüllhaufen der Geschichte, auf dem sie ganz buchstäblich gelandet waren. Im Regal nicht zuhause im Land, das jede Chance auf die Leere und alle Lehren, die daraus zu ziehen gewesen waren, schluckte, räumte ich das Dazwischen frei und gemeindete 1,5 Meter ein.

Daneben stand, zwei Zentimeter dick, die „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer/Adorno, gewissermaßen der Index der nun leeren Lehre der blauen und roten Bände. Ein Niemandsland im nun Niemandsland. Und ich fand Heimat darin, genau keine Heimat zu haben wie die Exilierten, die das geschrieben hatten. Ich wollte da sein, wo ich dem Nichts nahe sein konnte. Eine Art weltschmerzig inszenierte Todessehnsucht, aus der heraus ich mich in die Lager sehnte, wo der Tod Industrie war, so wie er jetzt Industrie war für eine nur vermeintliche Lebendigkeit.

Die Lehre der Leere bestand in der Flucht vor eben diesem Leben, das ich nicht aushalten, geschweige leben wollte. Ich wollte anders sein, Grauzone - Niemandsland. Und zog die Grenze, die gefallen war, mit Unerbittlichkeit.

Schwanheide III (15 Jahre später): Selbst die Leere hat mich verlassen, wurde eingemeindet. „No Future“ liest man nicht mehr auf den pogo-verschwitzten Lederjacken von Punks. Punk is dead. Aber ich bin immer noch alive. Ich bin nie Punk gewesen, ich habe auch nie in der DDR gelebt. Alles habe ich immer nur besucht. Und bin wieder weggefahren. Habe das Niemandsland gekreuzt und bin dabei niemand geworden. Und dennoch nicht nichts, das ist das Problem. Im Niemandsland, das ich als letzter bewohne, gibt es keine Eigentumswohnungen. Es gibt überhaupt keine Wohnung außer der des Schweigens. Das ist beredt, aber keine Rede ist davon außer den Worten, die das Schweigen beschreiben, das Danach-und-nicht-mehr, das Schon-nicht-mehr und - ganz zart und bezaubernd - das Nichts-niemand-nirgends-nie meiner Worte.
23.5.05 23:58
 


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