„DU“ schreit es in Riesenlettern von der Plakatwand, dem TV-Schirm und aus der Anzeige. „Was, ich schon wieder?“ durchfährt es mich mit dem leisen Erschrecken des ertappt oder shanghait Seins wie bei diesem inzwischen zur Werbung für Jeans zweckentfremdeten Plakat, wo Uncle Sam auch MICH für die Army anwerben will. Nein: „Du bist Deutschland“, steht da, weiß im flächendeckend gesendeten TV-Spot eine ganze Armee von Vorzeige-Deutschen von A wie Fußball-Idol Gerald Asamoah bis W wie Katarina Witt, einst „das schönste Gesicht des Sozialismus“, jetzt die schönste Werbefläche im vereinten Land.
Du meine Güte! Erst „Wir sind Papst“ und nu’ bin ich auch noch Deutschland, „L’État c’est moi?“ Mehr noch: „Du bist das Wunder von Deutschland“, heißt es im „Manifest“ der „bisher größten Social Marketing Kampagne in der Mediengeschichte der Bundesrepublik“. Alles, was medial Rang und Namen hat, findet nämlich, dass „Deutschland sich selbst schlecht redet“, und will mit der Kampagne „einen Bewusstseinswandel für mehr Selbstvertrauen und Motivation anstoßen“. 30 Millionen Euro kostet solche Mutmache, zur Verfügung gestellt als kostenlose Anzeigen- und Werbeclip-Schaltungen. Man hört den „Ruck“, den Ex-Bundespräsident Herzog durchs Land schicken wollte, förmlich ruckeln – wenn auch ziemlich verrückt.
„Du bist Albert Einstein!“ Gräme dich nicht, wenn du ein Spätentwickler bist, war Einstein nämlich auch. Und „wenn du das letzte aus dir herausholst, kannst du nach den Sternen greifen“. Oder: Du bist Johann Wolfgang von Goethe. Na, vielleicht nicht ganz. Aber deine Texte sind toll, du musst sie nur an einen Verlag schicken. Denn du bist Deutschland. Tja, wenn das so einfach wäre ... Allerdings recht einfach einsichtig ist, dass solche Botschaften einmal mehr die Ideologie verlängern, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Und dass im Umkehrschluss die Verlierer selber Schuld sind und wer keine Arbeit hat, eigentlich auch keine will.
Kein Wunder also, dass die Kampagne, ersonnen unter anderem in den heiligen Werbehallen von Jung von Matt, aus denen auch Zeitgeist gewordene Un-Worte wie „Geiz ist geil“ stammen, kaum gestartet, sofort ihre Spötter fand – im einzigen noch nicht von solcher Pfeifen-im-Walde-Propaganda gleichgeschalteten Medium: Unter
www.flickr.com/groups/dubistdeutschland finden notorische Schlechtredner wie ich Antidot in Gestalt mutwilliger Fälschungen der Kampagnen-Motive. „Du bist langzeitarbeitslos“, plakatiert man da. Oder: „Du bist Josef Ackermann. Du denkst eine Anklage wegen Untreue könnte deine Karriere zerstören?“ Weit gefehlt, Ackermann ist immer noch Vorstand der Deutschen Bank. Denn: „Wer kompromisslos seinen Weg geht, kann es zu einem Spitzengehalt von 11 Millionen Euro bringen.“
Sowas ist nämlich auch Deutschland, derzeit auch vielgestaltig beim Koalitionspoker in Berlin zu beobachten. Ob das die Deutschland-Werber auch im Sinn hatten? Vielleicht kommt die Krise, die hier mit Mutmachen bezwungen werden soll, ja just von denen, die hier nicht als gesunden Unmut Machende auftreten: Politiker, Manager, Lügner und Betrüger? Du bist Deutschland? Ich bin’s in einem Lande solcher Deutschen nicht.